Free your Body

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Ich stehe in einem großen Ausstellungsraum in Mayfair, London. White Cube Format. Um mich herum hängen die fotografischen Bilder des Künstlers Ryan McGinley. Die großformatigen Arbeiten des amerikanischen Fotografen zeigen eine Bildwelt, die mich unmittelbar berührt und sofort mitreißt. Schlagbilder, die direkt auf die Nerven wirken. Sie erzeugen eine gewaltige Stimme aus Bildern, die meine Gedanken in Schwingung bringt. Ohne dass ich es bemerke, vergesse ich, dass ich in der Galerie stehe. Vor meinem geistigen Auge tut sich eine neue Welt auf. Schlagartig befinde ich mich auf einer der weiten amerikanischen Landstraßen, wie ich sie so eben noch auf McGinleys Bildern gesehen habe.

Ich sitze im Auto. In einem alten mit Ledergarnitur ausgestatteten Cadillac. Vor mir und im Rückspiegel Weite. An Bord sind meine besten Freunde. Wir sind jung und fast nackt, weil es Hochsommer ist. Wohin wir fahren wissen wir nicht. Was uns antreibt ist der Glaube an einen endlosen Sommer. An die beste Zeit des Lebens. Freiheit, Grenzenlosigkeit, Abenteuer. Keine Sorgen, keine Regeln für den Tag. Nur eine Ahnung von etwas Wunderbaren. Wir lassen uns treiben, angezogen von der Weite der Welt und von der Nähe zueinander. Kein Ziel und kein Zweck außer zu leben. Ein bedingungsloser Moment. Ein Leben ohne Plan, ohne Konzept. Wir spüren. Wir glühen – ohne Kompromiss. Sind hungrig auf das wahre, das echte Leben. Aufwiedersehen Alltag. Aufwiedersehen moderne, komplexe Welt. Wir gleiten durch die Sommerlandschaft bis wir einen feuchten grünen Wald finden, einen schimmernden See, hohe goldene Sanddünen. Es ist egal, denn es geht uns um den Moment, um das Hier und das Jetzt. Um die laute Musik, die aus den Boxen dröhnt, um die ölige Würze, die das Leder verströmt, um die warme Juliluft, die über unser glitzerndes Schamhaar hinweg weht. Wir schlendern durch Kornfelder, klettern auf Obstbäume, springen von Kalkhängen und tanzen an Meerbuchten. Zwischen Mondschein, Morgenröte und Mittagssonne finden wir unseren eigenen Rhythmus. Wir befreien den Körper und Geist von den Grenzen, die uns der Alltag einer komplexen Welt auferlegt hat. Kein Gestern, kein Morgen mehr. Jetzt ist der Tag, die Zeit, an dem wir zu uns selbst finden. So lauschen wir den raschelnden Kornähren, riechen die königlichen Pfirsichfrüchte, spüren den lauwarmen Sandstaub zwischen den Fußzehen. Wir sind wild, jung und gierig. Sind heiß wie Sommerdämpfe, brennen, lodern, flackern hell wie Leuchtkugel, lieben bedingungslos und leidenschaftlich. Wir lecken und schmecken, laben uns an der Fülle süßer Beeren, an den vollen Früchten und dem geilen Nektar unseres blutjungen Lebens. Wir küssen, reiben, drängen, beißen – wir gurgeln das Leben, spucken und schlucken. Es kribbelt entlang der Wirbelsäule, von den Lenden über den Nacken bis in die Lippen. Weil wir elektrisiert sind, weil unsere Nerven tanzen.

Plötzlich holt mich ein Stimmengewirr zurück in die Galerie. Ich zucke kurz zusammen als ich bemerke, dass ich noch immer im in der Ausstellung stehe. Die Bilder von eben funkeln noch mal momenthaft auf. Doch dann verflüchtigt sich das rauschartige Dröhnen und weicht der schützenden, latent steifen Haltung, die man braucht, um sich in einer Großstadt wie London zu bewegen. Ich verlasse die Ausstellung und gehe um die Ecke in ein Kaffee. Ryan McGinley sage ich mir innerlich vor und erinnere mich noch einmal an die Bilder. Wie eine Kapsel voll MDMA hat mich das gerade berauscht und ein Karussell extatischer Gedankenspiele in Gang gesetzt. Intensiv und befreiend, trotzdem recht eindimensional und widerspruchslos. In sich als Wertwelt abgeschlossen und dadurch leicht konsumierbar. Nebenwirkung? Ungeheuerliche Lust auf Fish n’ Chips.

Robert Grunenberg

3 Kommentare to “Free your Body”

  1. Hey !

    Was für ein HAMMERKRASSGEILER Text. STARK ! ! !

    Hau rein, dein lichtbildwerfer

  2. gern gelesen

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