Archive for ‘Fotografie’

27. August 2012

Free your Body

Image

Ich stehe in einem großen Ausstellungsraum in Mayfair, London. White Cube Format. Um mich herum hängen die fotografischen Bilder des Künstlers Ryan McGinley. Die großformatigen Arbeiten des amerikanischen Fotografen zeigen eine Bildwelt, die mich unmittelbar berührt und sofort mitreißt. Schlagbilder, die direkt auf die Nerven wirken. Sie erzeugen eine gewaltige Stimme aus Bildern, die meine Gedanken in Schwingung bringt. Ohne dass ich es bemerke, vergesse ich, dass ich in der Galerie stehe. Vor meinem geistigen Auge tut sich eine neue Welt auf. Schlagartig befinde ich mich auf einer der weiten amerikanischen Landstraßen, wie ich sie so eben noch auf McGinleys Bildern gesehen habe.

Ich sitze im Auto. In einem alten mit Ledergarnitur ausgestatteten Cadillac. Vor mir und im Rückspiegel Weite. An Bord sind meine besten Freunde. Wir sind jung und fast nackt, weil es Hochsommer ist. Wohin wir fahren wissen wir nicht. Was uns antreibt ist der Glaube an einen endlosen Sommer. An die beste Zeit des Lebens. Freiheit, Grenzenlosigkeit, Abenteuer. Keine Sorgen, keine Regeln für den Tag. Nur eine Ahnung von etwas Wunderbaren. Wir lassen uns treiben, angezogen von der Weite der Welt und von der Nähe zueinander. Kein Ziel und kein Zweck außer zu leben. Ein bedingungsloser Moment. Ein Leben ohne Plan, ohne Konzept. Wir spüren. Wir glühen – ohne Kompromiss. Sind hungrig auf das wahre, das echte Leben. Aufwiedersehen Alltag. Aufwiedersehen moderne, komplexe Welt. Wir gleiten durch die Sommerlandschaft bis wir einen feuchten grünen Wald finden, einen schimmernden See, hohe goldene Sanddünen. Es ist egal, denn es geht uns um den Moment, um das Hier und das Jetzt. Um die laute Musik, die aus den Boxen dröhnt, um die ölige Würze, die das Leder verströmt, um die warme Juliluft, die über unser glitzerndes Schamhaar hinweg weht. Wir schlendern durch Kornfelder, klettern auf Obstbäume, springen von Kalkhängen und tanzen an Meerbuchten. Zwischen Mondschein, Morgenröte und Mittagssonne finden wir unseren eigenen Rhythmus. Wir befreien den Körper und Geist von den Grenzen, die uns der Alltag einer komplexen Welt auferlegt hat. Kein Gestern, kein Morgen mehr. Jetzt ist der Tag, die Zeit, an dem wir zu uns selbst finden. So lauschen wir den raschelnden Kornähren, riechen die königlichen Pfirsichfrüchte, spüren den lauwarmen Sandstaub zwischen den Fußzehen. Wir sind wild, jung und gierig. Sind heiß wie Sommerdämpfe, brennen, lodern, flackern hell wie Leuchtkugel, lieben bedingungslos und leidenschaftlich. Wir lecken und schmecken, laben uns an der Fülle süßer Beeren, an den vollen Früchten und dem geilen Nektar unseres blutjungen Lebens. Wir küssen, reiben, drängen, beißen – wir gurgeln das Leben, spucken und schlucken. Es kribbelt entlang der Wirbelsäule, von den Lenden über den Nacken bis in die Lippen. Weil wir elektrisiert sind, weil unsere Nerven tanzen.

Plötzlich holt mich ein Stimmengewirr zurück in die Galerie. Ich zucke kurz zusammen als ich bemerke, dass ich noch immer im in der Ausstellung stehe. Die Bilder von eben funkeln noch mal momenthaft auf. Doch dann verflüchtigt sich das rauschartige Dröhnen und weicht der schützenden, latent steifen Haltung, die man braucht, um sich in einer Großstadt wie London zu bewegen. Ich verlasse die Ausstellung und gehe um die Ecke in ein Kaffee. Ryan McGinley sage ich mir innerlich vor und erinnere mich noch einmal an die Bilder. Wie eine Kapsel voll MDMA hat mich das gerade berauscht und ein Karussell extatischer Gedankenspiele in Gang gesetzt. Intensiv und befreiend, trotzdem recht eindimensional und widerspruchslos. In sich als Wertwelt abgeschlossen und dadurch leicht konsumierbar. Nebenwirkung? Ungeheuerliche Lust auf Fish n’ Chips.

Robert Grunenberg

15. November 2011

Bin ich ein Bild?

Review zur Ausstellung ‚Abstract Ilona’ bei Kavi Gupta Berlin

von Robert Grunenberg

Viele waren gekommen, als die Kavi Gupta Gallery Berlin am Freitag die 4 – Artists- Show ‚Abstract Ilona’ eröffnete. Ganz im Sinne des gegenwärtigen Trends, der den Berliner Stadtteil Schöneberg zum neuen Galerien Hotspot der Hauptstadt macht, versammelten sich in der Kluckstraße 31 eine bunte Schar von Künstlern und Kreativen, Sammlern, Kuratoren und natürlichen solchen, die Kunst und das ganze Drumherum lieben. So vielseitig wie das Publikum sich präsentierte, sind auch die Arbeiten der vier Künstler. Zwar verstehen sich alle Künstler primär als Maler, trotzdem sind bei der Schau gänzlich unterschiedliche Umgangsweisen mit dem Medium Malerei zu sehen, die manchmal die Frage aufwerfen, wo genau es sich denn jetzt hier um Malerei handelt.

 Denn gemalt im klassischen Sinn wurde so gut wie gar nicht.  Weder wurde pastose Farbe in expressive Gesten auf die Leinwand gebracht, noch wurde hierbei ein Pinsel verwendet. Nur ein Bild von Strassburger lässt Ansätze dieses traditionellen Malereiverständissen bemerken, die jedoch durch seinen installativen Charakter in den Hintergrund treten. Auf zwei Galerieräumen wird die ganze Bandbreite bildtechnischer Verfahren untersucht, was u.a. Zeichnungen, Drucke und Fotografie mit einschließt.

Schon beim Betreten der Zweiraumgalerie wird sofort deutlich, dass es sich um eine diskursive Gruppenausstellung handelt, die zeitgenössische Perspektiven auf ein traditionelles Medium wirft. Was auf kunsthistorischen Tagungen in der Regel durch hochtheoretische Diskurse – manchmal fernab der Realität –  analyisert und determiniert werden soll, lässt sich bei ‚Abstract Ilona’ durch konkrete Aspekte diskutierten. Deutlich hört man die kuratorische Stimme fragen: Was kann Malerei heute leisten? Welche Bildästhetik kann sie aus sich selbst und besonders in Wechselwirkung zu anderen Medien generieren? Wo und wie ist sie zeitgeistig oder wodurch bestimmt sie diesen sogar?

Im vorderen Galerieraum begegnet man einer 9-teiligen Grafikserie von Aribert von Ostrowski, die sich aufgrund ihrer seriellen Form erst einmal konzeptionell darstellt, beim genauen Hinsehen aber gestisch, und beim längeren Verweilen sogar emotional wird. Inhaltlich und formal passt dies
auch zu den zwei Arbeiten von Henning Strassburger, die an der Kante zwischen unterschiedlichen Medien operieren. Neben dem selbsreferenziellen Charakter seiner Bilder, thematisiert Strassburger aber auch die Auflösung medialer Grenzen, indem er eine hybride Rauminstallation aus Bildwerk und Designobjekt schafft, so dass die beiden Ausstellungsräume formal, funktional und inhaltlich in Wechselwirkung treten können.

Auch die großformatigen Bilder von Tim Berresheim reihen sich in diese Gedankenrichtung ein. Auf Eichenholz gedruckte, teils figurative, teils abstrakte Formen, die zuvor am Computer designt worden sind, konzentrieren den Bildraum, überschreiten ihn aber gleichsam bis über den Bildrand hinaus. Ähnlich wie bei den Arbeiten von Ostrowski und Strassburger werden auch bei Berresheim die physikalischen Grenzen des Bildes und dessen Bildwelt befragt. Dies wird aber nicht nur Bildimmanent diskutiert, sondern bei allen auch spezifisch im Ausstellungsraum. So wie Ostrowski den Bildrahmen übermalt, Strassburger die Architektur durchbricht, stoßen die Bilder von Berresheim mit ihrer formalen Dimensionen fast an die Decke und den Boden des Galerieraums.  Zurückhaltender im Format hingegen ist eine Fotoarbeit von Henry Butzer (alias André Butzer). Der C-Print auf Papier bildet einen Mondrian-Katalog und ein Cezanne-Plakat ab, die einerseits kunsthistorische Referenzpunkte anpreisen, diese aber gleichsam von Butzer in Frage gestellt werden, in dem er sie mit befremdlichen und willkürlichen Überschriften wie ‚Todesmondrian’ und ‚Hölderlin’ versieht.

Wie es sich bereits im Titel der Ausstellung andeutet, geht es in der Gruppenschau um die Unvereinbarkeit, aber auch um die Mehrwerte von Gegensätzen. In dem Kunstnamen ‚Abstract Ilona’ drückt sich die Opposition aus figurativer und abstrakter Malerei aus, darüber hinaus aber auch in den wiederholten Fragen nach der eindeutigen Abgrenzung des Mediums Malerei zu anderen künstlerischen Gattungen. Zeitgenössische Malerei, so macht es die Ausstellung deutlich, ist gegenwärtig mehr als zu anderen Zeiten ein hybridartiges Medium, das sich nicht auf klassische Formen, Techniken und Gesten beschränken lässt, sondern vielfältige Strategien offenlegt, die einander befruchten und gleichzeitig hinterfragen. Malerei heute ist also bewusst selbstreferenziell, indem sie auf ihre Verfahren, aber auch auf ihre Grenzen verweist, die sie dann gleichsam überschreitet, um sich selbst als Medium zu erweitern. Nicht zu letzt tut sie dies aber auch, um mit der Zeit und ihren Medien Schritt zu halten, so dass sie sich neuer Wirkungs- und Bedeutungsweisen befähigen kann.

Abstract Ilona: 11. Nov. 2011 – 28. Jan. 2012 bei Kavi Gupta Gallery Berlin
http://kavigupta.com/exhibition/105/iabstractilonai
24. August 2010

Longos Linie

Für ihre aktuelle Herbst/Winter Kollektion hat das italienische Modehaus Bottega Veneta den amerikanischen Fotografen Robert Longo gewinnen können. Auf eine ganze Reihe von Kollaborationen mit Künstlern wie Nan Goldin, Stephen Shore und Annie Leibovitz folgt erneut ein Brückenschlag von Mode und künstlerischer Fotografie.

Ohne jeden Zweifel zitiert Longo seine erfolgreiche Zeichenserie „Men in the Cities“ aus den 80er Jahren, in denen er Künstlerfreunde wie Cindy Sherman in expressiven Posen verfremdend porträtierte.

Einerseits zollt er seiner eigenen Arbeit einen Tribut, andererseits reagiert er damit unmittelbar auf einen durch Apple eingeleiteten Werbetrend, der Silhouetten in impulsiven Bewegunsposen zum Credo des derzeitigen Kommunikationdesigns erhoben hat. Es ist davon auszugehen, dass Apple in ihrer Ipod Annonce selbst auf Longo Bezug nehmen, wenngleich subtiler als es in der aktuellen Bottega Veneta Kampagne zu sehen ist.

Im Mittelpunkt der Formensprache steht damals, wie heute die bewegte Linie. Zeichnerisch genaue Grauabstufungen verleihen den Schwarzweißfotografien einen Silberschimmer und machen die Körper und Textilien der grafischen Arbeit haptisch erfahrbar.

Die Körper bleiben in einem Moment gehalten, der keinen Aufschluss gibt, ob die Figuren im Begriff sind zu springen oder zu stürzen, zu erwachen oder zu Boden zu sinken – kraftvoll und hilflos zu gleich.

Diese paradoxe Pose aus dionysischem Tanz und blitzartiger Athletik ist seit Hagesandros und Polydoros Laaokon, spätestens aber seit Michelanelo zu einem zentralen Merkmal der abendländischen Figurensprache geworden.

Der Schnitt der Kollektion erfüllt die gegensätzlichen Merkmale aus fließenden und geordneten Elementen. Die bewegte, wenngleich angeordnete Linie schafft die Konturen, auf welche es Longo in seinen Bildern ankommt.

26. Juli 2010

Vorgeschmack auf Josef Schulz

Picture Source: Fiebach-Minninger Gallery

24. Juli 2010

Punky Beachboy

Das eingespielte Duo aus Mariano Vivanco und Nicola Formichetti zeigen in einer Fotostrecke für die aktuelle Vogue Hommes Japan ihre innovative Gestaltungskraft.

Sie erweitern den schwer angesagten Rocker-Punker-Modeltypus der letzten zwei Jahre um Stilisierungen im Zeichen einer Ethno- und Barbie-Ästhetik.
In einer Welt aus Eiskrem- und Lollipop-Farben wird aus dem Vivienne-Westwood Surfer-Adonis ein ozeanischer Stammeskrieger.

29. April 2010

Eye on Fontana

Der italienische Fotograf Franco Fontana (*1933) schafft mir seiner Serie Landscapes Abstraktionen von Kulturlandschaften aus geometrischen Farbformen. Trotz der Betonung der Fläche eröffnen Fontanas Ansichten Räume mit Tiefenzug. In Tradition der Landschaftsmalerei des 17. Jahrhunderts werden alle Bildebenen plausibel kurzgeschlossen, so dass der Betrachter die Bildwelten sukzessive nachvollziehen kann. Ähnlich wie Claude Lorrain (1600-1682) schafft Fontana abstrakte Ideallandschaften. Fontanas Ansichten verweisen jedoch nicht auf ein italienisches Arkadien, sondern betonen vielmehr die künstlerische Gestaltungskraft der Fotografie.

Zwei seiner Arbeiten werden zurzeit im Art Foyer der DZ Bank Kunstsammlung gezeigt.

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