Posts tagged ‘Robert Grunenberg’

25. März 2013

Massentauglich

Kommentar zum neuen Album von Depeche Mode

Foto: Depeche ModeWie auf Knopfdruck schossen die Arme in die Höhe als beim Depeche Mode Konzert gestern Abend im Wiener Museums Quartier die Lichter ausgingen. Einen Atemzug später erstrahlte über den Köpfen der knapp 1000 Besucher eine Landschaft aus blauen Leuchtquadraten – eine Milchstrasse aus Smartphone-Displays. Vielleicht steht diese Entwicklung auf Konzerten sinnbildlich für die Situation bei Depeche Mode. Fans dokumentieren und teilen ihre besonderen Momenten im Netz, um Aufmerksamkeit in der virtuellen Community zu erhalten – die Jagd nach den Likes, wer kennt sie heute nicht? Diese werbemäßige Selbstinszenierung und Vermarktung des eigenen Lebens hält seit ein paar Jahren bahnbrechenden Einzug in unseren Alltag – bei Weltstars hingegen ist es schon seit langem Teil des großen Geschäfts. So hat auch das Management von Dave Gahan, Martin Gore & Andrew Fletcher für die Neuerscheinung von ‚Delta Machine’ alle Markteting-Register gezogen und promotet das Album als Gäbe es kein Morgen: Nach Auftritten bei David Letterman, der ‚Echo-Verleihung’ und ‚Wetten dass…? dann schließlich ein einstündiger Album Launch-Event in Wien, der von der Deutschen Telekom gesponsert wurde.

Courtesy: AP/ Axel SchmidtNach 33 Jahren im internationalen Musikgeschäft und 13 veröffentlichen Alben ist es zwar nicht verwunderlich, doch gerade bei ‚Delta Machine’ bemerkt man, dass es vor allem um einen großen kommerziellen Wurf geht, der am besten weltweit gelandet werden soll. Dabei fing es anders an: Depeche Modes synthetisierter Pop entstand im Kontext einer avantgardistischen und subkulturellen Strömung: der New-Romantic Welle in England. Nach ersten kleineren Chart-Erfolgen etablierten sich die Depeche Mode schnell auch zu einer international erfolgreichen Band und reflektierte dies nicht ganz unironisch mit ihrem Album Titel ‚Music for the Masses’. Der Erfolg hielt Depeche Mode nicht davon ab experimentell zu arbeiten und Musik zu machen, die neue Wege weist. Dennoch hatte die Band immer einen unverkennbaren Stil: pathetischer, latent düsterer, immer elektrisierender Pop. Beim neuen Album sind diese Elemente schnell rauszuhören, doch trotz aller handwerklichen Präzision, trotz eingängiger Tracks, bleibt der Eindruck einer sehr durchkommerzialisierten Platte. Genau das ist wohl auch so gewollt – kein Risiko durch konzeptionelle Härte oder experimentelle Querschläge, sondern vielseitig massentauglicher Pop, der auf breiten Absatz zielt – ein ganz unironisch gemeintes ‚Music for the Masses’.

 

11. September 2012

$ € X ¥ – weil Geld auch anders kann


Wenn wir an Geld denken, dann fällt uns meistens ein, dass wir irgendwie zu wenig davon haben oder dass es eigentlich nicht schlecht wäre, wenn wir ein bisschen mehr davon hätten. Es ist ein immer knappes Gut. Zumindest für die meisten Menschen und wenn mich nicht alles täuscht, dann gibt es viele Studien, die belegen, dass selbst die Reichsten unter uns, hauptsächlich darum bemüht sind ihren Reichtum zu vermehren. Dass Geld noch mehr Lust auf Geld macht, dokumentieren zahlreiche geldgeile Figuren unserer Kulturgeschichte – sei es in Shakespeares ‚Kaufmann von Venedig’ oder popkulturelle Figuren wie Dagobert Duck oder Montgomery Burns.

Gegenwärtig ist das Wort ‚Geld’ aber besonders wegen der weltweit um sich greifenden Krise des Finanzsystems unter ständiger Beschussnahme. Was ist aber, wenn wir zur Abwechslung mal einen anderen Blick auf das Phänomen Geld werfen? Eine Perspektive, die Geld nicht unter seiner Funktion als monetäre Rechen-, Tausch oder Speichereinheit behandelt, sondern die Aufmerksamkeit auf Eigenschaften lenkt, die über den rein ökonomischen Wert hinaus gehen. Ähnlich wie beim derzeitig geführten Diskurs zur Ästhetik von Konsum- und Warengütern steht hierbei eine Betrachtungsform im Mittelpunkt, die sich kritisch mit den poetologischen und sinnstiftenden Qualitäten von Geld auseinandersetzt.

Dass Geld nicht nur einen numerischen Wert hat, zeigt sich bereits in seiner formalen Erscheinung: Geldnoten und vor allem Münzen tragen spätesten seit der römischen Antike nicht nur Ziffern, sondern vor allem Bilder. Diese Kopfseite des Geldes repräsentiert in materieller Form auch den Bedeutungsbereich des Geldes, der eben mit assoziativen und symbolischen Mitteln agiert. Denn Geld erregt wie kaum ein anderes kulturelles Gut unsere Gedanken und Gefühle. Nicht nur weil Geld unsere existenzielle Situation bestimmt, sondern auch weil es unsere Phantasie stimuliert. Ohne Zweifel wirkt Geld maßgeblich auf die grundlegenden Bereiche unserer sozialen, politischen und rechtlichen Kultur. So schafft Geld Macht, Privilegien, Status, Rechtsfreiheit und alle Ungleichheiten die damit verbunden sind. Im Grunde kann Geld alles. Denn Geld ist in unserer Welt gegen alles einlösbar. Gerade deshalb hat sich die Vorstellung ausgebildet, dass Geld auch jeden Traum erfüllen kann oder zumindest die besten Voraussetzungen schaffen kann, damit dieser real wird. Bevor man sich aber einer Haltung zu Geld nähert, die sich genau auf dieses Imaginationspotenzial von Geld einlässt, muss das meist verbreitetste Vorurteil gegenüber Geld noch erwähnt werden.
So heißt es fast überall auf der Welt, dass Geld den Charakter verdirbt. Das ist sicherlich gar nicht falsch. Aber allein dass Geld eine so komplexe Struktur wie die psychologische Konstitution eines Menschen schnell und nachhaltig verändert, belegt bereits sein kulturelles und vor allem identitätsformendes Potenzial. Geld ist in einem unglaublichen Maße an der Ausbildung und Festigung von psychologischen Mustern beteiligt. Dies hängt nicht zuletzt mit den sozialen – vor allem statusbezogenen Möglichkeiten zusammen, die es einem Einzelnen verleiht. Dass Geld Egoismus fördert bzw. einen Anreiz darstellt um sich unkooperativ zu Verhalten, zeigt die Spieltheorie. Als populärstes Beispiel gilt der Effekt des sogenannten Gefangenendillemas. Es heißt, solange keine rechtliche oder moralische Sanktion droht verhalten sich Menschen egoistisch – ganz im Sinne des auf Wertmaximierung zielenden ‚homo oeconomicus’. Geld, so scheint es, stellt also ein Mittel dar, dass die Verbesserung persönlicher Lebenslagen ermöglicht. Gerade deshalb wirkt es so stimulierend auf unsere Phantasie. Es erzeugt Imaginationsräume, die unser Leben erweitern und reicht in Gedankenräume herein, die nicht rechtlich, moralisch und alltagsmäßig begrenzt sind. Daher kommt auch die Vorstellung, dass sich unsere Rechte durch die Aneignung von Geld nach den persönlichen Bedürfnissen dehnen lassen – dass Geld vor moralischen und rechtlichen Strukturen wie Verboten und Gesetzen immunisiert. Kein Wunder, dass Geld also die Phantasie anregt. Denn mit Geld lässt sich die Welt ganz praktisch zu Gunsten der eigenen Wünsche umgestalten. Insofern hat Geld eine grenzüberschreitende Funktion – von rechtlichen und realen zu imaginativen Räumen. In diesen Prozessen liegt bereits ein ästhetisches Moment, denn in der Erweiterung und Durchquerung einer bestehenden Struktur liegt immer auch eine kreative Kraft. Geld kann also unsere bestehende Situation praktisch als auch imaginativ verändern. Gerade in den Möglichkeitsräumen, die Geld schafft, liegt sein Fiktionswert. So ist Geld eine sinnstiftende Instanz. Man kann sogar so weit gehen und behaupten, dass Geld spirituelle Strukturen evoziert. Geld wird zu einer Projektionsfläche für die Träume, Sehnsüchte und Begierden unserer Gegenwart. Es verspricht Glück und Heil. Der Soziologe Georg Simmel brachte diese Entwicklung schon um 1900 auf die prägnante Formel:  ‚Geld wird Gott’. Aus dieser übermenschlichen, gottesähnlichen Funktionalisierung von Geld erwächst eine Aura und eine Magie, die Geld über alle Maße ikonisiert.

Gerade deshalb ist es nachvollziehbar, warum der Gedanke an Geld so erregend ist. Geld macht nervös und setzt Menschen in Aufregung. Das Gedankenspiel, was würde ich mit einer Millionen Euro anstellen, erzeugt bei allen Menschen ein gewisse Stimulation. So eine Vorstellung generiert unmittelbare Bildwelten und Assoziationen, die mit einer massiven rhetorischen Überzeugung auf unsere Gedanken und Gefühle wirken. Jeder kennt diese Gedankenreise, wo Geld zum Indikator wird, der einen in außergewöhnliche Welten transformiert. Oftmals erträumt man sich eine Lebenssituation, die der Tatsächlichen gegenteilig ist. So denken die meisten Menschen an schillernde Luxusgüter, an paradiesische Wohnorte, an exzentrische und originelle Lebensmodelle. Ohne die Wünsche und Begierden jedes Einzelnen zu bewerten – es lässt sich nicht leugnen, dass Geld die ästhetische Vorstellungskraft erweitert. Indem es unsere Fantasie und Träume anreget, werden zudem auch Gefühle angesprochen, die maßgeblich Einfluss auf unser alltägliches Leben nehmen.

So wie das ‚goldene Kalb’ aus der biblischen Symbolik erheben wir Geld in unserer heutigen Gesellschaft auf einen Sockel, von dem es glitzernd, energisch und ungemein sexy in unsere Welt strahlt. Auch Andy Warhol griff den begehrenswerte Charakter von Geld auf und stilisierte diesen in entsprechend ikonenhaften Bildern. Gerade in der Jugend- und Popkultur kommt es zu einer ausgeprägten Ästhetisierung von Geld, die sich in einer verherrlichenden Inszenierung von Luxus darstellt. Man will heute nicht mehr Astronom oder Zahnarzt werden, sondern am besten Multimillionär. Gerade im  Bereich der amerikanischen Musikkultur zeigt sich diese Stilisierung von Luxus als begehrenswertes Lebensziel. Nirgendwo findet sich diese Entwicklung prägnanter als im Hip Hop. Die Musikvideos von Künstler wie 50 Cent, Kaney West, Puffy und Snoop Dog enthalten eine so offensichtliche Zurschaustellung von materieller Dekadenz und sprühen von symbolischen Motiven, die Luxus anpreisen: Goldketten, Juwelenringe, schlossartige Villen, teure Schlitten, Sunseeker und alles in XXL. Zweifelsohne handelt es sich bei diesen Videos, um einen extremen Geldmaniriesmus von materiellen Luxusgütern, der an manchen Stellen auch ironisch operieren mag. Trotzdem lässt sich aus dieser übertriebenen Form der Geldwürdigung nicht nur ein Rückschluss auf die Wünsche, Werte und Denkpraktiken unserer Kultur ableiten, sondern es lässt sich auch diskutieren in welcher Weise Geld unsere geistigen wie emotionalen Prozesse berührt. Ohne Frage haben wir es bei Geld mit einem sehr ambivalenten Phänomen zutun, das auf ebenso vielseitige Weise seine Wirkung darlegt. Ob es glücklich und sexy macht, wenn man viel oder wenig davon hat, darüber haben sich schon Viele geäußert. Eines macht es sicherlich, gleich ob man zu viel oder zu wenig hat – es macht verdammt nervös.

Robert Grunenberg

27. August 2012

Free your Body

Image

Ich stehe in einem großen Ausstellungsraum in Mayfair, London. White Cube Format. Um mich herum hängen die fotografischen Bilder des Künstlers Ryan McGinley. Die großformatigen Arbeiten des amerikanischen Fotografen zeigen eine Bildwelt, die mich unmittelbar berührt und sofort mitreißt. Schlagbilder, die direkt auf die Nerven wirken. Sie erzeugen eine gewaltige Stimme aus Bildern, die meine Gedanken in Schwingung bringt. Ohne dass ich es bemerke, vergesse ich, dass ich in der Galerie stehe. Vor meinem geistigen Auge tut sich eine neue Welt auf. Schlagartig befinde ich mich auf einer der weiten amerikanischen Landstraßen, wie ich sie so eben noch auf McGinleys Bildern gesehen habe.

Ich sitze im Auto. In einem alten mit Ledergarnitur ausgestatteten Cadillac. Vor mir und im Rückspiegel Weite. An Bord sind meine besten Freunde. Wir sind jung und fast nackt, weil es Hochsommer ist. Wohin wir fahren wissen wir nicht. Was uns antreibt ist der Glaube an einen endlosen Sommer. An die beste Zeit des Lebens. Freiheit, Grenzenlosigkeit, Abenteuer. Keine Sorgen, keine Regeln für den Tag. Nur eine Ahnung von etwas Wunderbaren. Wir lassen uns treiben, angezogen von der Weite der Welt und von der Nähe zueinander. Kein Ziel und kein Zweck außer zu leben. Ein bedingungsloser Moment. Ein Leben ohne Plan, ohne Konzept. Wir spüren. Wir glühen – ohne Kompromiss. Sind hungrig auf das wahre, das echte Leben. Aufwiedersehen Alltag. Aufwiedersehen moderne, komplexe Welt. Wir gleiten durch die Sommerlandschaft bis wir einen feuchten grünen Wald finden, einen schimmernden See, hohe goldene Sanddünen. Es ist egal, denn es geht uns um den Moment, um das Hier und das Jetzt. Um die laute Musik, die aus den Boxen dröhnt, um die ölige Würze, die das Leder verströmt, um die warme Juliluft, die über unser glitzerndes Schamhaar hinweg weht. Wir schlendern durch Kornfelder, klettern auf Obstbäume, springen von Kalkhängen und tanzen an Meerbuchten. Zwischen Mondschein, Morgenröte und Mittagssonne finden wir unseren eigenen Rhythmus. Wir befreien den Körper und Geist von den Grenzen, die uns der Alltag einer komplexen Welt auferlegt hat. Kein Gestern, kein Morgen mehr. Jetzt ist der Tag, die Zeit, an dem wir zu uns selbst finden. So lauschen wir den raschelnden Kornähren, riechen die königlichen Pfirsichfrüchte, spüren den lauwarmen Sandstaub zwischen den Fußzehen. Wir sind wild, jung und gierig. Sind heiß wie Sommerdämpfe, brennen, lodern, flackern hell wie Leuchtkugel, lieben bedingungslos und leidenschaftlich. Wir lecken und schmecken, laben uns an der Fülle süßer Beeren, an den vollen Früchten und dem geilen Nektar unseres blutjungen Lebens. Wir küssen, reiben, drängen, beißen – wir gurgeln das Leben, spucken und schlucken. Es kribbelt entlang der Wirbelsäule, von den Lenden über den Nacken bis in die Lippen. Weil wir elektrisiert sind, weil unsere Nerven tanzen.

Plötzlich holt mich ein Stimmengewirr zurück in die Galerie. Ich zucke kurz zusammen als ich bemerke, dass ich noch immer im in der Ausstellung stehe. Die Bilder von eben funkeln noch mal momenthaft auf. Doch dann verflüchtigt sich das rauschartige Dröhnen und weicht der schützenden, latent steifen Haltung, die man braucht, um sich in einer Großstadt wie London zu bewegen. Ich verlasse die Ausstellung und gehe um die Ecke in ein Kaffee. Ryan McGinley sage ich mir innerlich vor und erinnere mich noch einmal an die Bilder. Wie eine Kapsel voll MDMA hat mich das gerade berauscht und ein Karussell extatischer Gedankenspiele in Gang gesetzt. Intensiv und befreiend, trotzdem recht eindimensional und widerspruchslos. In sich als Wertwelt abgeschlossen und dadurch leicht konsumierbar. Nebenwirkung? Ungeheuerliche Lust auf Fish n’ Chips.

Robert Grunenberg

15. Juli 2012

Love is in the Air

Hochsommergefühl, Weinmarktstimmung und Kunst lagen in der Luft als die beiden Berliner Künstler Olivia Berckemeyer und Uwe Henneken persönlich zur Eröffnung ihrer gemeinsamen Doppelausstellung  in den Kunstverein Heppenheim kamen. Um eine Idee für die Werke in der Schau zu bekommen – hier der Ausstellungstext, den ich für den KVHP im Vorfeld der Eröffnung geschrieben habe.

Wenn Liebe in der Luft liegt, so teilen meistens zwei Menschen ein wunderbares Gefühl der Entgrenzung und der Grenzenlosigkeit. Bekanntes und Alltägliches wird vom Innersten durchs Äußerste durchdrungen und über einen neuen Wahrnehmungsmodus – die bekannte rosa Brille – in zauberhafte Zustände transformiert. So wie die Liebe gewöhnliche Wahrnehmungsprozesse umwandelt, führen auch ästhetische Erfahrungen zu besonderen – oder um es mit dem Schriftsteller Robert Musil zu sagen – zu anderen Zuständen, in derenZentrum die Auflösung und Überschreitung alltäglicher Wahrnehmungsgrenzen steht.

Musil erkennt diesen Zustand nicht nur in der Liebe, sondern gleichermaßen im außeralltäglichen Bereich der Mystik. Mit der Ausrichtung der Wahrnehmung auf sinnliche und mystische Wertkategorien wird die Welt und ihre Lebensrealität plötzlich in ein anderes Licht gerückt, so dass ehemals eindeutig benennbare Phänomene nicht mehr nur neuartig, sondern sogar ambivalent erscheinen. Solch ein anderer Zustand erweitert die Alltagrealität um sinnliche, geistige und ästhetische Dimensionen und ermöglicht es in dergleichen geheimnisvolle, magische und mehrdeutige Momente zu entdecken.

Gerade künstlerische Werke gewähren einen ungewohnten Blickpunkt auf unsere Welt, indem sie nicht nur reale Begebenheiten abbilden, sondern die Wahrnehmung derselben durch künstlerische Stilisierung reflektieren. Vor diesem Hintergrund können auch die Arbeiten von Olivia Berckemeyer und Uwe Henneken in der Ausstellung ‚Love is in the Air‘ betrachtet werden. Denn ihre zwei Hauptarbeiten thematisieren nicht nur Gegensatzpaare wie Alltag und Mystik, Deskription und Abstraktion, Reales und Surreales, sondern sie verhandeln explizit die Entgrenzung und die Überlappung dieser Bereiche. Formal lässt sich dies in einer intensiven Auseinandersetzung mit realen und ästhetischen Räumen erkennen. Im Zentrum steht die Frage nach der Konstruktion, Abstraktion und Inszenierung bildnerischer Räume. Dies verbindet die Arbeiten Berckemeyers und Hennekens, trennt sie aber gleichermaßen, weil jeder der Künstler eigene Darstellungen entwickelt hat. 

Mit ihrer Arbeit ‚Endless’ konstruiert Olivia Berckemeyer eine raumgreifende Installation, die sowohl auf die ortspezifischen Ausstellungsbedingungen im KVHP reagiert als auch die Grenzen mehrerer künstlerischer Medien durchbricht. Verwendet Berckemeyer gewöhnlich meist kleine Bronzeplastiken mit Referenzen auf apokalyptische Figurendarstellung, so bilden das Zentrum dieser Installation 80 mit schwarzen Wachs beträufelte Bocksbeutelflaschen, die auf einer Spiegelfolie stehen. Wie von unten in eine Grotte aufstrebende Tropfsteine ragen die Kerzenfiguren in den Ausstellungsraum, den sie bei Dunkelheit gleichsam punktuell erleuchten, so dass sich eine malerische den Raum durchdringende Stofflichkeit ausbildet. Als Ganzes betrachtet generiert die Zusammenstellung aus Glas, Wachs, Spiegelfolie und Raum eine romantische, geheimnisvolle aber auch eine morbide Topografie aus Licht und Schatten. In dieser materiellen und medialen Durchdringung sowie der Prozesshaftigkeit, die sich aus den Umbildungen des schmelzenden Wachses ergeben, lassen sich nicht nur Referenzen zur Tradition der Vanitas, sondern auch Anknüpfpunkte zum mystischen Moment des anderen Zustands herstellen.

Bei Uwe Henneken zeigt sich diese diskursive Auseinandersetzung in seinem Ölbild ‚Love is in the Air’. Stehen in den meisten seiner Landschaftsbilder mythische und karnevaleske Figuren im Zentrum des Bildes, so richtet sich das Interesse bei dieser Arbeit auf den
gemalten Bildraum als solchen. Ähnlich wie bei Berckemeyer geht es bei Henneken um die Konstruktion und Stilisierung eines künstlerischen Raums, dessen Merkmale wechselhafte und widersprüchliche Beziehungen eingehen. So zeigt sein Bild einen bis auf die Bildmitte wolkenbedeckten Nachthimmel, in dessen Zentrum wiederum ein Vollmond leuchtet. Um den Mond herum verteilen sich goldgelbe Leuchtkugeln, wobei diese sich nicht eindeutig als Sterne bestimmen lassen. Diese Verkettung motivischer Ambivalenzen erweitert sich, wenn die regenbogenfarbige Wolkenformation als weltraumartige kosmische Sphäre betrachtet wird, wodurch es zu einer Verschiebung der raumlogischen Anordnung der Bildebenen kommt. Insgesamt scheint der Bildraum aufgrund seiner ausschnitthaften Darstellung der gemalten Welt losgelöst von realen Begebenheiten, was seine unwirkliche und mystische Kennzeichnung begünstigt. Dies liegt nicht nur an der Umverteilung von irdischen Sphäre und weltraumartigen Räumen, sondern auch an den von Schwalben besetzten Stromkabeln, deren Ankerpunkt im Bildraum verborgen bleibt. Transformieren sich die Teile der Installation bei Berckemeyer durch das Schmelzen und Verglühen der Kerzen, so bildet die figürliche Anordnung der Schwalben und des Mondes in Hennekens Bild eine flüchtige Buchstaben-Konstellation des Wortes ‚LOVE’, das im Begriff ist zu Werden und zu Vergehen. Dieses Vexierspiel mit Zeigen und Verbergen, Durchdringen und Formieren führt ähnlich wie bei Berckemeyers Kerzengruppe zu einem intermedialen und selbstreferenziellen Akt, bei dem strukturelle, motivische und semantische Möglichkeiten künstlerischen Arbeitens ausgestellt werden.

Nicht zu letzt zeigt sich, dass die Beschäftigung mit mystischen Erscheinungen andere Zustände offenlegt, die keiner normierbaren Logik zugeordnet werden können. Es ist ein Dazwischen sein, etwas das sich schwer greifen lässt, etwas von begrenzter Dauer – es liegt halt einfach wie Liebe in der Luft.

Robert Grunenberg

 
13. Juli 2012

STRIKE THE POSE

 

Berlin Kreuzberg Anfang Juli – Ich laufe abends vom Görli zur Oranienstraße. Courtesy: http://dialstyle.files.wordpress.com/2010/05/hipster2.jpgDie Sonne steht schon tief. Eine regelrechte Flut von Sonnenstrahlen zieht entlang der historischen Häuserreihen, an deren Fuße wacklige Holztische stehen. An und um diese Tische sitzen sie. Sie, von denen seit mehreren Jahren bereits aus den Feuilletons berichtet wird. Sie, die jeder kennt, aber keiner sein will. Sie, die in Anlehnung an einen soziokulturellen Archetypen aus der Mitte des 20. Jahrhunderts heute wieder als Hipster bezeichnet werden. Auf die Frage, was den Hipster ausmacht und was er trägt, ergießen sich die Artikel und Kolumnen in der Presse und im Web. Mich interessiert in diesem ‚Beitrag’ vielmehr die ästhetischen Mechanismen der Pose und des Posierens, die dieser und vielen anderen popkulturellen Erscheinung zu Grunde liegt.

Im weiteren Sinne geht es bei der Pose um das Phänomen der Oberflächlichkeit. Also um solche Dinge, die den ersten Eindruck bei der Begegnung mit Menschen, Dingen oder allgemeiner bei Sachverhalten bestimmen. Sei es eine bestimmte visuelle Pose, wie das Tragen auffälliger Kleidung, oder eine sprachliche Pose, wie das Dreschen rhetorischer Phrasen. Es geht weniger um Substanzen und Inhalte, sondern es geht um eine Überhöhung von Formen und Strukturen, seien sie visuell oder sprachlich. Ziel solcher zeichenhafter Stilisierungen ist es, eine prägnante Kommunikation zu generieren. Man könnte von Wiedererkennungszeichen und Markenbildung sprechen, so ist es nicht verwunderlich, dass die Vermarktungen von Waren oder Personen, gleich ob es Politiker oder Popstars sind, mit solchen Überzeichnungsstrategien operieren. Man denke nur an das Logo von Nike, Apple und McDonalds, an Angela Merkels Lächeln, an Hitlers Oberlippenkraut oder an formale Gesamtkunstwerke wie Madonna, Cher, Gaga oder den gerade im Abendprogramm glitzernden Harald Glööckler. Neu ist das jedoch nicht, denn schon seit der abendländischen Antike gab es diese Stilisierungstechniken, die zur Lenkung politischer oder religiöser Zwecke eingesetzt wurden. Erst mit der Überwindung des Mittelalters und der Wiederbelebung antiken Kulturguts in der Neuzeit kam es zu ersten Ikonisierungen, die primär ästhetische Funktionen erfüllten. Besonders markant setzte sich die Übertreibung antiker Formen in der Zeit des Manierismus durch. Es war ein regelrechtes Laben an der Form und der Oberfläche – sowohl in Gemälden, Skulpturen, Gedichten als auch in der Mode. Das klassische Schönheitsprinzip, bei dem Form und Inhalt eine Balance halten, wurde exzessiv und radikal zu Gunsten der Form gesteigert. In diesem Sinne verfahren Posen antiklassisch. Wiederholt haben sich diese Tendenzen manierierter Formensprache während des Rokoko, des Historismus oder auch bei modernen Strömungen wie des Dandyismus oder der Popkultur gezeigt. Gemein ist allen Zeiten, dass es weder um Zerstreuung noch um Kontemplation geht, sondern alleine um eine Ästhetik der Form, der Oberfläche, der Pose.

Im Zentrum steht also die Konzentration und Überspitzung einzelner Strukturen mit dem Ziel eine bündige Aussage zu machen, die ikonisch, künstlich, spektakulär oder auch theatralisch wirken können. Jedoch sind die Grenzen nicht unendlich dehnbar, so dass es bei Überreizung leicht zu einem Absturz ins Lächerliche und Groteske kommt. Ohne dass es gewollt sein muss, werden diese überzogenen Formen zu einer Karikatur ihrer selbst. Die einzige Rettung dieser formalen Exzesse ist die heilbringende Insel Namens ‚Ironie’. In diesem Sinne argumentiert auch Susan Sontag in ihrem bekannten ‚Essays on CAMP’ von solchen Formen des Oberflächlichen, die naiv, unfreiwillig und ohne Kalkulation ins Ironische abgleiten. Oftmals werden aber auch Begegnungen mit bis ins Lächerliche ausgeschöpften Formen vom Wahrnehmenden selbst als ironisch deklariert, so nach dem Motto, ‚das kann der ja nicht Ernst meinen’. Es bleibt also eine etwas uneindeutige Bewertung, die je nach Kontext und individueller Wahrnehmung in die eine oder andere Richtung ausschlägt. Ob es nun kitschig, ironisch oder einfach nur schön ist – die Pose des Oberflächlichen ist eine kulturelle Erscheinung, der man leicht verfällt und die sich ebenso leicht konsumieren lässt. Sie ist tendenziell widerspruchsfrei, hat begrenzte Dimensionen, so dass jeder sie erfassen kann, worin schließlich auch ihr Verschleißfaktor liegt. Schnell hat man sich satt gesehen, satt gehört – Risiko der Überreizung.
In Bezug auf die boheme Pose des Hipstertums ist jedoch bemerkenswert, wie sich das Oberflächliche inzwischen tiefergehenden Wertkategorien einverleibt, die für gewöhnlich im Kontrast zu manierierten Erscheinungsformen stehen. Sind es historisch betrachtet für gewöhnlich entweder prunkvolle oder auf Hochglanz getrimmte Strukturen, so haben die Formen des Hipstertums eine visuelle Rhetorik, die sich auf semantische Bereiche wie Authentizität, Freiheit, Abenteuer, Künstlertum und Individualität beziehen. Diese Eigenschaften sind ja gerade nicht oberflächlich, sondern ziehen ihr Alleinstellungsmerkmal aus inhaltsbetonten Kategorien. In Form der Hipster-Pose wird dieses Verhältnis also umgestülpt, so dass die äußeren Erscheinungen, die mit Eigenschaften wie Authentizität oder Kreativität operieren, selbst zu einer oberflächlichen Pose werden. So ist man heute nicht mehr authentisch oder individuell, sondern konsumiert bestimmte Warenformen und Dienstleistungen, die solche Wertkategorien versprechen. Zu einer der bekanntesten Strategie gehört die Vermarktung von Gütern, die mit dem Label Vintage und Retro versehen werden. Insofern sind es adaptierte, übergestreifte – am Ende des Tages also oberflächliche Erscheinungsformen. Eigentlich könnte man sich ja wundern über die orangefarbenden Lippenstifte der Gallerinas und Hipsternistas, genauso wie über die nerdigen Hornbrillen ihrer männlichen Artgenossen. Sind sie lächerlich oder sind sie eben genau so eine gekünstelte Form, die in erster Linie auf einen äußeren Effekt zielt, ohne wirklich Inhalte zu transportieren, auf die sie sich vermeintlich beziehen will?

In diesem Spiel mit Formen, wobei die Inhalte grundsätzlich nur Mittel zum Spiel sind, zeigt sich besonders deutlich, welches rhetorische Potenzial Posen haben können. Sie sind der Stoff, der einerseits Emotionen, wie Neid oder Freude, aber auch Imaginationen hervorruft. So ergeben wir uns alltäglich dem Schein der Dinge und lassen unsere Fantasie stimulieren, auch wenn wir wissen, dass Posen viel behaupten, ohne viel zu sagen.

Robert Grunenberg