Posts tagged ‘Andy Warhol’

11. September 2012

$ € X ¥ – weil Geld auch anders kann


Wenn wir an Geld denken, dann fällt uns meistens ein, dass wir irgendwie zu wenig davon haben oder dass es eigentlich nicht schlecht wäre, wenn wir ein bisschen mehr davon hätten. Es ist ein immer knappes Gut. Zumindest für die meisten Menschen und wenn mich nicht alles täuscht, dann gibt es viele Studien, die belegen, dass selbst die Reichsten unter uns, hauptsächlich darum bemüht sind ihren Reichtum zu vermehren. Dass Geld noch mehr Lust auf Geld macht, dokumentieren zahlreiche geldgeile Figuren unserer Kulturgeschichte – sei es in Shakespeares ‚Kaufmann von Venedig’ oder popkulturelle Figuren wie Dagobert Duck oder Montgomery Burns.

Gegenwärtig ist das Wort ‚Geld’ aber besonders wegen der weltweit um sich greifenden Krise des Finanzsystems unter ständiger Beschussnahme. Was ist aber, wenn wir zur Abwechslung mal einen anderen Blick auf das Phänomen Geld werfen? Eine Perspektive, die Geld nicht unter seiner Funktion als monetäre Rechen-, Tausch oder Speichereinheit behandelt, sondern die Aufmerksamkeit auf Eigenschaften lenkt, die über den rein ökonomischen Wert hinaus gehen. Ähnlich wie beim derzeitig geführten Diskurs zur Ästhetik von Konsum- und Warengütern steht hierbei eine Betrachtungsform im Mittelpunkt, die sich kritisch mit den poetologischen und sinnstiftenden Qualitäten von Geld auseinandersetzt.

Dass Geld nicht nur einen numerischen Wert hat, zeigt sich bereits in seiner formalen Erscheinung: Geldnoten und vor allem Münzen tragen spätesten seit der römischen Antike nicht nur Ziffern, sondern vor allem Bilder. Diese Kopfseite des Geldes repräsentiert in materieller Form auch den Bedeutungsbereich des Geldes, der eben mit assoziativen und symbolischen Mitteln agiert. Denn Geld erregt wie kaum ein anderes kulturelles Gut unsere Gedanken und Gefühle. Nicht nur weil Geld unsere existenzielle Situation bestimmt, sondern auch weil es unsere Phantasie stimuliert. Ohne Zweifel wirkt Geld maßgeblich auf die grundlegenden Bereiche unserer sozialen, politischen und rechtlichen Kultur. So schafft Geld Macht, Privilegien, Status, Rechtsfreiheit und alle Ungleichheiten die damit verbunden sind. Im Grunde kann Geld alles. Denn Geld ist in unserer Welt gegen alles einlösbar. Gerade deshalb hat sich die Vorstellung ausgebildet, dass Geld auch jeden Traum erfüllen kann oder zumindest die besten Voraussetzungen schaffen kann, damit dieser real wird. Bevor man sich aber einer Haltung zu Geld nähert, die sich genau auf dieses Imaginationspotenzial von Geld einlässt, muss das meist verbreitetste Vorurteil gegenüber Geld noch erwähnt werden.
So heißt es fast überall auf der Welt, dass Geld den Charakter verdirbt. Das ist sicherlich gar nicht falsch. Aber allein dass Geld eine so komplexe Struktur wie die psychologische Konstitution eines Menschen schnell und nachhaltig verändert, belegt bereits sein kulturelles und vor allem identitätsformendes Potenzial. Geld ist in einem unglaublichen Maße an der Ausbildung und Festigung von psychologischen Mustern beteiligt. Dies hängt nicht zuletzt mit den sozialen – vor allem statusbezogenen Möglichkeiten zusammen, die es einem Einzelnen verleiht. Dass Geld Egoismus fördert bzw. einen Anreiz darstellt um sich unkooperativ zu Verhalten, zeigt die Spieltheorie. Als populärstes Beispiel gilt der Effekt des sogenannten Gefangenendillemas. Es heißt, solange keine rechtliche oder moralische Sanktion droht verhalten sich Menschen egoistisch – ganz im Sinne des auf Wertmaximierung zielenden ‚homo oeconomicus’. Geld, so scheint es, stellt also ein Mittel dar, dass die Verbesserung persönlicher Lebenslagen ermöglicht. Gerade deshalb wirkt es so stimulierend auf unsere Phantasie. Es erzeugt Imaginationsräume, die unser Leben erweitern und reicht in Gedankenräume herein, die nicht rechtlich, moralisch und alltagsmäßig begrenzt sind. Daher kommt auch die Vorstellung, dass sich unsere Rechte durch die Aneignung von Geld nach den persönlichen Bedürfnissen dehnen lassen – dass Geld vor moralischen und rechtlichen Strukturen wie Verboten und Gesetzen immunisiert. Kein Wunder, dass Geld also die Phantasie anregt. Denn mit Geld lässt sich die Welt ganz praktisch zu Gunsten der eigenen Wünsche umgestalten. Insofern hat Geld eine grenzüberschreitende Funktion – von rechtlichen und realen zu imaginativen Räumen. In diesen Prozessen liegt bereits ein ästhetisches Moment, denn in der Erweiterung und Durchquerung einer bestehenden Struktur liegt immer auch eine kreative Kraft. Geld kann also unsere bestehende Situation praktisch als auch imaginativ verändern. Gerade in den Möglichkeitsräumen, die Geld schafft, liegt sein Fiktionswert. So ist Geld eine sinnstiftende Instanz. Man kann sogar so weit gehen und behaupten, dass Geld spirituelle Strukturen evoziert. Geld wird zu einer Projektionsfläche für die Träume, Sehnsüchte und Begierden unserer Gegenwart. Es verspricht Glück und Heil. Der Soziologe Georg Simmel brachte diese Entwicklung schon um 1900 auf die prägnante Formel:  ‚Geld wird Gott’. Aus dieser übermenschlichen, gottesähnlichen Funktionalisierung von Geld erwächst eine Aura und eine Magie, die Geld über alle Maße ikonisiert.

Gerade deshalb ist es nachvollziehbar, warum der Gedanke an Geld so erregend ist. Geld macht nervös und setzt Menschen in Aufregung. Das Gedankenspiel, was würde ich mit einer Millionen Euro anstellen, erzeugt bei allen Menschen ein gewisse Stimulation. So eine Vorstellung generiert unmittelbare Bildwelten und Assoziationen, die mit einer massiven rhetorischen Überzeugung auf unsere Gedanken und Gefühle wirken. Jeder kennt diese Gedankenreise, wo Geld zum Indikator wird, der einen in außergewöhnliche Welten transformiert. Oftmals erträumt man sich eine Lebenssituation, die der Tatsächlichen gegenteilig ist. So denken die meisten Menschen an schillernde Luxusgüter, an paradiesische Wohnorte, an exzentrische und originelle Lebensmodelle. Ohne die Wünsche und Begierden jedes Einzelnen zu bewerten – es lässt sich nicht leugnen, dass Geld die ästhetische Vorstellungskraft erweitert. Indem es unsere Fantasie und Träume anreget, werden zudem auch Gefühle angesprochen, die maßgeblich Einfluss auf unser alltägliches Leben nehmen.

So wie das ‚goldene Kalb’ aus der biblischen Symbolik erheben wir Geld in unserer heutigen Gesellschaft auf einen Sockel, von dem es glitzernd, energisch und ungemein sexy in unsere Welt strahlt. Auch Andy Warhol griff den begehrenswerte Charakter von Geld auf und stilisierte diesen in entsprechend ikonenhaften Bildern. Gerade in der Jugend- und Popkultur kommt es zu einer ausgeprägten Ästhetisierung von Geld, die sich in einer verherrlichenden Inszenierung von Luxus darstellt. Man will heute nicht mehr Astronom oder Zahnarzt werden, sondern am besten Multimillionär. Gerade im  Bereich der amerikanischen Musikkultur zeigt sich diese Stilisierung von Luxus als begehrenswertes Lebensziel. Nirgendwo findet sich diese Entwicklung prägnanter als im Hip Hop. Die Musikvideos von Künstler wie 50 Cent, Kaney West, Puffy und Snoop Dog enthalten eine so offensichtliche Zurschaustellung von materieller Dekadenz und sprühen von symbolischen Motiven, die Luxus anpreisen: Goldketten, Juwelenringe, schlossartige Villen, teure Schlitten, Sunseeker und alles in XXL. Zweifelsohne handelt es sich bei diesen Videos, um einen extremen Geldmaniriesmus von materiellen Luxusgütern, der an manchen Stellen auch ironisch operieren mag. Trotzdem lässt sich aus dieser übertriebenen Form der Geldwürdigung nicht nur ein Rückschluss auf die Wünsche, Werte und Denkpraktiken unserer Kultur ableiten, sondern es lässt sich auch diskutieren in welcher Weise Geld unsere geistigen wie emotionalen Prozesse berührt. Ohne Frage haben wir es bei Geld mit einem sehr ambivalenten Phänomen zutun, das auf ebenso vielseitige Weise seine Wirkung darlegt. Ob es glücklich und sexy macht, wenn man viel oder wenig davon hat, darüber haben sich schon Viele geäußert. Eines macht es sicherlich, gleich ob man zu viel oder zu wenig hat – es macht verdammt nervös.

Robert Grunenberg

25. November 2011

PROVOKING BEAUTY

Feature über Anselm Reyle

von Robert Grunenberg

Die Idee, ein Feature über AnsAnselm Reyle, Untitled, Courtesy Gagosian Gallery elm Reyle zu machen, entstand dieses Jahr auf der Frieze Art Fair in London. Als ich Mitte Oktober mit meinem Kumpel Nick über die langen Wege der Messe ging, gab es nur wenige Arbeiten, die uns zum Anhalten bewegten. Viel interessanter waren tatsächlich das modische Publikum, die Stargaleristen und der ein oder andere Künstler. In der Mitte des großen Messezelts blieb Nick jedoch plötzlich stehen und zeigte mit einem Finger auf eine Arbeit von Anselm Reyle. „Who is it?“ fragte er im euphorischen Amerikanisch. Während wir mit forschem Schritt quer durch die Halle liefen, erzählte ich ihm von Reyle, einem Deutschen Künstler, dessen Bilder einem wegen ihrer eingängigen Oberflächenästhetik schon beim ersten Angucken ins Auge fallen. Bei der Arbeit, die Nick so angemacht hatte, handelt es sich um eine von seinen Malen-nach-Zahlen-Bildern. Wir sprachen dann über weitere Arbeiten von Reyle und kamen schnell auf Jeff Koons Balloon Dogs und endeten schließlich bei Andy Warhols Do-it-yourself-Paintings, wobei Nick  prompt feststellte, dass es sich bei Reyles Arbeiten offensichtlich um keine Deutsche Kunst und Malerei im traditionelle Sinne handelt. Ich wusste sofort, was er meinte, denn tatsächlich assoziiert man deutsche Kunst allgemein mit Attributen wie expressiv, inhaltlich, fordernd oder sogar belehrend. Also genau solche Qualitäten, die an den großen Kunsthochschulen in Düsseldorf, Leipzig und Berlin hochgehalten werden, jedoch bei Reyle keine Rolle spielen. Seine Werke gefallen zunächst einmal, sind dekorativ und politisch korrekt. Auf dem Kunstmarkt erzielt er Rekordpreise und gilt bei Galerien, Händlern und Sammlern inzwischen als ‚Blue Chip Artist’. Seit 2007 wird er vom Galeriegiganten Larry Gagosian gemanagt, was ihn gleichsam in den Olymp irrationaler Kunstmarktpreise befördert. Aber woher kommt diese Popularität – woher sein Erfolg? Und was zeichnet Reyle und seine Kunst überhaupt aus?

Nachdem Anselm Reyle (*1970, Tübingen) sein Studium an den Kunsthochschulen in Stuttgart und Karlruhe beendet hatte, zog er nach Berlin, wo er heute immer noch lebt und arbeitet. In einem 2000qm großen Atelierraum, den er selbst als Kunstfabrik bezeichnet, lässt er seine Werke von Assistenten produzierten, deren Konzepte er zuvor selbst ausgearbeitet hat. Dabei handelt es sich meist um medienüberschreitende Arbeiten zwischen Malerei, Skulptur sowie Raum-Licht-Installationen, bei denen er vorzugsweise Materialen wie Elektroschrott, alte Neonröhren, Lacke, Folien und Spiegelglas verwendet. Im Sinne seines ‚Mixed Media’ Ansatzes eröffnet Reyle einen Malerei- und Bilddiskurs, der die klassischen Verwahrensweisen von Malerei, Bildhauerei und Design hinterfragt und gleichsam intermedial erweitert.  Indem er Fundstücke aus dem Alltag sammelt und sie künstlerisch weiterverarbeitet, schafft er neue Objekte, die ihre ursprüngliche Funktion zu Gunsten einer primär visuellen Ästhetik transformieren. Durch diese Abstraktionsfolge entstehen sehr ansehnliche Objekte, die an Hochglanz-Design aus der Konsumkultur erinnern, aber auch Bezüge zur Kunst der Moderne herstellen. Zu den populärsten Objekten dieser Art zählen seine foil paintings, seine farbigen Streifenbilder und seine Malen-nach-Zahlen-Arbeiten.

Ähnlich wie mein Kumpel Nick denkt man bei diesen Arbeiten immer auch an formale Ähnlichkeiten zu kunstgeschichtlichen Vorläufern. Besonders einleuchtend ist die formale Nähe zu Größen der ‚Minimal Art’ und natürlich der ‚Pop Art’. Aber es greift zu kurz Reyle nur formal mit diesen Strömungen in Verbindung zu bringen. Denn es ist nicht nur die Oberfläche, derer sich Reyle zuwendet – wie es ihm seine Kritiker gerne vorhalten – sondern seine glanzvolle Formenwelt ist für den Künstler selbst immer auch eine Reflexion über die vorherrschenden Geschmackscodes unserer Zeit. Er fragt: Wie funktioniert Ästhetik? Welche Logik steckt hinter schönen Formen und warum ändern sich ihre Regeln, Stile, Trends und Moden?


Indem er also auf Objekte und Materialien aus dem Alltag zurückgreift und diese durch Ästhetiken der ‚Low-Culture’ in glanzvolle Objekte übersetzt, diese aber als ‚High-Culture’ deklariert, dekonstruiert er unser gängiges Verständnis von der Trennung zwischen Alltagsgegenständen, Designobjekten und Kunstwerken. Er provoziert also Schönes, aber er verweist gleichsam auch auf ihre Wirkungslogik und unsere Wahrnehmung derselben. Reyle tut dies aber ohne einen erzieherischen oder belehrenden Künstlergestus. Das braucht er gar nicht, denn die Bezüge sind so offensichtlich, dass er nicht einmal Gefahr läuft von jemanden oder durch sich selbst entlarvt zu werden. Durch diese unverblümte Zitation erhalten seine Arbeiten etwas bodenständiges, ja vielleicht sogar etwas ironisches. Gerade deshalb erscheint es auch nicht unauthentisch, dass Reyle eine Kooperation mit dem Pariser Modehaus Dior eingegangen ist, das im Frühjahr 2012 eine von ihm inspirierte Taschen, Sonnenbrillen & Accessoires Kollektion auf den Markt bringt.

Anselm Reyle for Christian Dior, Untitled (2011), Courtesy Monopol MagazinReyle bewegt sich also inzwischen nicht mehr nur diskursiv zwischen ‚Low’ und ‚High’, sondern verlässt bewusst das künstlerische Metier, um sich kommerzieller Kanäle zu bedienen. Was bei vielen Künstlern als Tabu gilt, fügt sich bei Reyle aber ohne Probleme in seine Arbeit ein, denn für ihn ist die hermetische Trennung zwischen Kunst und Design ohnehin fragwürdig. Seine Arbeiten dürfen reflektieren, aber eben auch schönes provozieren, deren Form in allen Medien in Escheinung tritt.